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Zuckerwasser

Zuckerwasser-Garnituren - Verre d'eau 6 pièces0.26.3a

Wie die 15 anderen Servicen auf dieser und sieben weiteren Seiten (planches 23 bis 25 und 48, 51, 59 und 77) besteht es aus Wasserkaraffe, Wasserglas, Zuckerdose, kleiner Karaffe und Tablett. Die dort abgebildeten Garnituren (also auch unsere kleine Karaffe) scheinen nach 1840 nicht mehr hergestellt worden zu sein, außer Nr. 2399 von pl. 77. Drei weitere Garnituren, letzterer im Dekor ähnlich, werden neu eingeführt (pl. 89).

In seiner Ausstellung "Zuckergefäße und Zuckergeräte aus Silber" zeigt das Berliner Zucker-Museum eine fünfteilige "Zuckerwassergarnitur" bestehend aus einem reich verzierten  Silbertablett, einer Glaskaraffe mit Stöpsel, einem Glasbecher mit Silberdeckel, einer silbernen Zuckerschale auf Fuß und einem Silberlöffel. Karaffe und Wasserglas haben feines Schnittdekor. Die Punzierungen der Silberteile weisen die Garnitur als Wiener Arbeit aus, eine eingravierte Widmung hat die Jahreszahl 1836. Die Karaffe ist nicht gemarkt; das Glas trägt die Signatur der Firma Lobmeyr aus Wien. Die Beziehungen Josef Lobmeyrs zu böhmischen Glashütten sind bekannt, so daß eine böhmische Provenienz der Glasteile angenommen werden kann (s. Mundt, o. P., im Schlußteil unter "J. & L. Lobmeyr, Wien").

Im Katalog zu der Ausstellung erläutert der damalige Direktor des Zucker- Museums, Hubert Olbrich, den kulturhistorischen Hintergrund. Zuckerwasser war vom 17. bis 19. Jahrhundert ein beliebtes Erfrischungsgetränk. Da Zucker bis zur Einführung des Rübenzuckers sehr teuer war, war Zuckerwasser etwas Besonderes. Die Luxusgüterhersteller sorgten dafür, daß die, die es sich leisten konnten, das Getränk stilvoll einnahmen, indem sie eigens dafür bestimmte Service bereit stellten. Im obigen Falle war es eine Zusammenarbeit von Silberschmieden, Glasherstellern und Glasschneidern. Die Glashersteller haben aber auch von sich aus komplette Service angeboten und auch auf Gewerbeausstellungen damit geprunkt. Der Bericht zur "Zweiten allgemeinen österreichischen Gewerbs-Producten-Ausstellung" 1839 erwähnt einen "Zuckerwasser-Aufsatz ... von violett rothem Glase, grünen Kugeln und durchgetriebenen ausgezackten Rändern" der Firma Johann Meyr. Das Service bestand aus fünf Teilen -"einer ovalen Krystall-Tasse, einer Bouteille, einer Zucker-Vase und zwei Trinkbechern". Der Preis -Courant eines böhmischen Glasraffineurs bietet einen "Wassersatz", der aus 6 Teilen besteht: "1 Wasserflasche, 1 Rumflasche, 1 Zuckerdose, 2 Becher & 1 Plateau". Dies scheint auch der Standard gewesen zu sein: das Zuckerwasser wurde im allgemeinen geschmacklich verfeinert, hier durch Rum. Möglicherweise diente die "ovale Krystall-Tasse" von Johann Meyr zur Aufnahme einer anderen Flüssigkeit, die auch noch den Geruchssinn ansprach und deshalb hier offen angeboten wurde, vielleicht Rosenwasser oder "Pomeranzenblüten-Wasser".

Die Bezeichnung Verre d'eau 6 pièces und die Anzahl der Teile - nämlich sechs - scheinen auch im französischen Kulturkreis die Regel gewesen zu sein. Auch die Größe ist standardisiert. Val St. Lambert (MB 1913) nennt für sein "verre d'eau en 6 pièces" folgende Größen: 1 Carafe à eau no. 3 (190 mm - [wahrscheinlich ohne Stöpsel]); 1 carafe à eau de fleur d'oranger  (110 mm); 2 gobelets pied bas no. 3 (120 mm); 1 sucrier forme boule sans pied (H: 60 mm; D: 115 mm); 1 plateau rectangulaire (325 x 225mm). Im erst erwähnten Portieux-Katalog sind die Fleur-d'oranger-Karaffen mit "Größe 8 und 9" ausgewiesen. Ähnliche Größenangaben finden sich im Baccarat-Katalog von 1893, [S.69]. Das komplette Service kostet da 8.40 francs mit einem runden Tablett und 9.35, wenn das Tablett viereckig gewünscht wird. 1913 wird der Preis im Katalog von VSL mit 935 francs angegeben -das ist aber der Abgabepreis für 100 Stück.

Zuckerwasser mit Orangenblütenaroma ("Fleur d'oranger", in den Launay-Hautin-Katalogen "Fleur d'orange") war das Lieblingsgetränk Napoleons I.; noch auf dem Sterbebett auf St. Helena hat er danach verlangt, wie sein letzter Artzt berichtet. Und wenn man die Kataloge französischer Glashersteller durcharbeitet, gewinnt man den Eindruck, daß ihm seine Nation bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dabei gefolgt ist: Im Musterbuch von Portieux von 1933 sind nicht weniger als 45 Garnituren "Verre d'eau 6 pièces" - geschliffen, geschnitten oder guillochiert -  von S. 68 bis 75 abgebildet. Die 3 ersten angebotenen Service mögen vielleicht sogar dafür gesorgt haben, den Geschmack von Zuckerwasser mit Fleur d'oranger in die 2. Hälfte des 20 Jahrhunderts hinüber zu retten: sie waren für die Kinderstube gedacht ("jouet").

Zur Geschichte der Zuckerwasser-Garnituren siehe:

  • Hubert Olbrich, "Zuckerwasser-Garnituren", im Katalog des Zuckermuseums, Berlin, 1991 (a.a.O.), S. 168-169; und:
  • ders., "Napoleon bevorzugte aromatisiertes Zuckerwasser", Schriften aus dem ZUCKER-MUSEUM, 24, 1987, 149-150.

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© Copyright 2001-2008  Simon Becker.  Stand dieser Seite: Donnerstag, 2. Oktober 2008